Golf-Time-Chefredakteur Oskar Brunnthaler analysiert die Konsequenzen der neuen Golfregeln.


Oskar Brunnthaler, GT-Chefredakteur

Meine Knie kann ich vergessen, das Kreuz macht
wieder Bekanntschaft mit den ausufernden Bandscheiben,
der einstige Tennis-Arm ist jetzt der Golfer-
Ellenbogen und die Schultern gehören längst zu
meinen Dauer-Baustellen. Seit „Ready Golf“ das Spiel
beschleunigen sollte, bin ich ein körperliches
Wrack: Beim Droppen vorgebeugt in Hocke den Ball
wieder ins Spiel bringen bedarf spezieller Übungen
im Fitness-Studio. 

Die Fahne zigmal raus und wieder
rein – weil der eine mit, der andere ohne Stock putten
will – hat meine Ellenbogen und Schultern ruiniert; und die Diskussion, wer nun drankomme,
mündet meist in totaler Verwirrung: Wer denn nun?
Als vor über einem Jahr die zweifellos durchdachte
Aktion “Ready Golf” vom DGV propagiert wurde, war
ich skeptisch: Haben doch jene, die Golf als sportlichen
Wettstreit verstehen, immer schon „Ready Golf“
gespielt. Seit diesem Jahr nun praktiziert, haben sich
aber die schlimmsten Befürchtungen bestätigt! 

Uneinigkeit bei Jung und Alt

Die
Älteren akzeptieren einfach diese Neuerungen nicht,
speziell wenn es um „die Ehre“ beim Abschlag geht.
Und selbst bei der jüngeren Garde herrscht Uneinigkeit,
wenn es um die Reihenfolge der weiteren Schläge
geht: „Bist du jetzt dran oder schlage ich … ?“  bzw. „Putte ich jetzt oder du …?“ 
Schade, dass Bemühungen, das Spiel zu beschleunigen,
eher das Gegenteil bewirken. Blicken wir über
den Tellerrand hinaus zu den Pros, dann drängt sich
die Frage auf: “Haben die denn jemals schon etwas
von ‘Ready Golf’ gehört, gelesen, gesagt bekommen?
Über fünf Stunden pro Runde sind die Regel, und
selbst die Sky-Moderatoren entschuldigen sich,
wenn sie die Übertragung beenden und die Führenden
nicht mehr zeigen können: “Sorry, aber da müssen
halt die Jungs schneller spielen, unsere Sendezeit
ist jetzt zu Ende!” 

Wunder in Old Europe

Da frage ich mich, was nach der nächsten Novellierung
geschehen wird: dann nämlich, wenn die Score-
Karten nach jeder Runde, aber auch wirklich nach
jedem kleinsten Privatausflug über den Golfplatz, im
Club-Sekretariat abgegeben werden müssen (es wird
dann aus den besten acht Ergebnissen der letzten
20 Runden das aktuelle Handicap errechnet). 
Nicht
nur in den USA seit Jahren völlig normal, werden wir
hier in Old Europe unser Wunder erleben. Der Hintergedanke:
ein ehrliches und dem tatsächlichen Leistungsniveau
entsprechendes Handicap.
Tatsächlich wird der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Jetzt muss ich aber zum Doktor, um meine Wehwehchen
wegspritzen zu lassen. 
Aber die Standard-Frage
bleibt: „Fahne raus oder rein?“ Antwort: „Raus natürlich,
oder wart’, nein, lass sie doch lieber drin … “
Fazit: Da haben kluge Köpfe mächtig lang gegrübelt,
um das Golfspiel zu beschleunigen, die Spielzeit zu
verkürzen, und haben nicht bedacht, dass Golfer eine
eigene Spezies von Mensch sind: solche, die immer
schon alles richtig gemacht haben. Und solche, die
Neuerungen prinzipiell ablehnen.
Schade – “Ready Golf”, das neue Handicap. 

Quelle: www.golftime.de