Es war einmal ein Junge, der wuchs irgendwo im spanischen Hinterland auf. Eine gute Fee hatte ihm so viel Golftalent in die Wiege gelegt, dass er eines Tages der beste Golfer aller Zeiten werden könnte.

von Götz Schmiedehausen
Bei der U.S. Open 2016 konnten nur ausgemachte Golfexperten etwas mit dem Namen „Jon Rahm“ anfangen. Die damalige Nummer eins der Amateurweltrangliste spielte in Oakmont erstmals bei einem Major-Turnier mit. Dank eines geteilten 23. Platzes gewann der Spanier den Titel als bester Amateur des Turniers.
Kurz darauf überraschte Rahm die Fachwelt mit seinem Wechsel ins Profilager, denn er verzichtete damit ohne Not auf das Privileg, als bester „Hobbygolfer“ der Welt auch bei der Open Championship an den Start gehen zu dürfen.

Natürlich wollte der frischgebackene Jungprofi schnellstmöglich auf der PGA Tour Fuß fassen. Doch diesen Traum hegten vor Rahm auch schon unzählige andere ehemalige Top-Amateure, von denen die meisten (oft erst nach zahllosen gescheiterten Anläufen) irgendwann einsehen mussten, dass diese Eliteklasse eben nur den Besten der Besten offensteht. Überhaupt gab es in der Geschichte der PGA Tour erst acht Spieler, die den direkten Sprung vom College in die Oberliga des Profigolfs geschafft haben, darunter so bekannte Namen wie Tiger Woods, Jordan Spieth oder Phil Mickelson.

Zweimal für die Open qualifiziert
Als Nichtmitglied der PGA Tour wurde Jon Rahm immerhin das Recht zugestanden, sieben Sponsoreneinladungen zu Turnieren anzunehmen, um genug Geld für eine Spielberechtigung auf der Tour zu verdienen. Jon erreichte dieses Ziel in Rekordzeit. Gleich bei seinem Debüt als Profi lag er in Runde 2 und 3 der Quicken Loans National zeitweise sogar in Führung und kam schließlich als geteilter Dritter ins Ziel. Neben einem hübschen Preisgeldscheck bedeutete diese Platzierung zugleich die erneute Qualifikation für die Open Championship.

Wenige Wochen später belegte Rahm bei der RBC Canadian Open den geteilten zweiten Rang. In den ersten zwei Monaten seines Daseins als Profi absolvierte der junge Spanier sieben Starts auf der PGA Tour, verdiente dabei mehr als eine Million Dollar Preisgeld und sicherte sich seine Tourkarte für die Saison 2016/17. Nun bestand kein Zweifel mehr. Jon Rahm war auf der PGA Tour angekommen. Und viele Golffans begannen sich zu fragen: Wer ist dieser Kerl eigentlich?
“Okay, ich bin dabei.”
„Okay, ich bin dabei.“ Das war alles, was in Jon Rahms Antwortmail an Tim Mickelson zu lesen stand. In diesem Sommer 2012 ging der hochgewachsene Teenager, der aus Barrika, einem winzigen Kaff im spanischen Baskenland stammt, noch in Madrid zur Schule. Persönlich kennengelernt hatte der Chefcoach des Arizona State University (ASU) Golf Teams den 17-jährigen Golfer damals noch nicht. Trotzdem hatte Mickelson ihm sein letztes verfügbares Vollstipendium für das Universitätsteam angeboten, aus dem schon so bekannte PGA Tour-Spieler wie Paul Casey oder Tims Bruder Phil hervorgegangen waren.

„Ricardo Relinque, der für die Jugendentwicklung des spanischen Golfverbandes zuständig war, berichtete mir von diesem Jungen, der gerne ein Auslandssemester in den USA absolvieren wollte“, erinnert sich Tim Mickelson. „Ich habe Jon Rahm im Internet gegoogelt und seine Ergebnisse haben mich beeindruckt. Nie zuvor bin ich das Wagnis eingegangen, einen mir völlig unbekannten Jungen ins Team zu holen. Doch zu diesem Zeitpunkt benötigte ich noch einen guten Spieler, der meinen Kader auffüllt, und bei Jon hatte ich ein gutes Bauchfühl. 

Rahm disqualifiziert sich selbst
Also habe ich ihm geschrieben: ‚Hätte dich liebend gerne hier. Komm rüber.’ Kurz darauf saß Jon in einen Flieger nach Phoenix.“ Neben dem Golftalent spielte in Tim Mickelsons Entscheidungsprozess auch eine Anekdote eine maßgebliche Rolle, die sich im Frühjahr 2012 zugetragen hatte. Bei der European Boys Team Championship lag Jon aussichtsreich auf dem zweiten Rang. Doch als er am Abend seine Golftasche für den nächsten Turniertag vorbereiten wollte, fiel ihm auf, dass ein Schläger zu viel in der Tasche steckte.
Am nächsten Morgen disqualifizierte sich der Sechzehnjährige selbst.
„Wenn dieser Junge in diesem Alter schon die Integrität besitzt, sich selbst zu disqualifizieren, wohlwissend, dass sein Regelverstoß niemandem außer ihm aufgefallen wäre, dann ist das ein junger Mann, den ich für mein Team haben will.“
Nicht lange, nachdem Tim Mickelson Rahm kennengelernt hatte, beschlichen ihn jedoch erste Zweifel, ob seine mutige Entscheidung auch wirklich eine weise gewesen war. Tims Schwester Tina erkundigte sich zwei Wochen nach Jons Ankunft, ob sich der junge Spanier gut eingelebt habe.
Jon spricht kein Englisch
„Das kann ich dir eigentlich gar nicht so genau sagen“, antwortete Tim Mickelson. „Wir können nämlich keine Unterhaltung führen, Jon spricht kein Englisch. Ich kommuniziere vornehmlich mit den Händen mit ihm.“

Sowohl auf dem Golfplatz als auch auf dem gigantischen Universitäts-Campus mit 50.000 Studenten nahm sich der bullige Spanier, der immer ein wenig verschlafen aus der Wäsche blickt, anfangs wie ein Fremdkörper aus. Frustriert hockte Jon in den gigantischen Klassenräumen und verstand weder den vorgetragenen Stoff noch die Gespräche seiner Kommilitonen.

Ein spanischsprechendes Teammitglied sorgte dafür, dass sich Trainer und Spieler halbwegs verständigen konnten. Doch Jon verließ sich ein wenig zu sehr auf seinen Dolmetscher und vernachlässigte seine Bemühungen, selbst Englisch lernen zu wollen. Also entschied Tim Mickelson, dass fortan niemand mehr Spanisch mit Rahm reden durfte, was den Gastschüler dazu zwang, sich noch intensiver mit der für ihn neuen Sprache zu beschäftigen.
“Der Junge schafft es nicht”
Doch viel schlimmer als Jons fehlende Sprachkenntnisse war, dass seine golferischen Leistungen nicht dem entsprachen, was sich sein neuer Trainer von ihm erhofft hatte. Tim Mickelsons Geduldsfaden riss schließlich nach der ersten Runde des dritten Mannschaftsturniers der Saison, in dem Jon Rahm mit einer 77 erneut das schlechteste Ergebnis seines Teams einbrachte. „Ich habe meinem Assistenztrainer gesagt: der Junge schafft es nicht. Er schafft es nicht in der Schule und er spielt nicht gut“, erinnert sich Mickelson. „Wer kommt als Ersatz in Frage?“
Anstatt sich Sorgen zu machen, blieb Rahm jedoch tiefenentspannt. „Keine Sorgen. Ich fühle mich gut“, beruhigte Jon seinen Coach. Dann spielte er in den folgenden beiden Runden des Turniers eine 64 und eine 65, wurde Zweiter im Klassement und überzeugte Mickelson mit dieser Leistung davon, weiterhin an ihm festzuhalten. Eine kluge Entscheidung, denn nur zwei Turniere später begann Jons Siegesserie als College-Golfer, in deren Verlauf er elf Titel gewann.
Hohe Google-Suchfrequenz nach „Jon Rahm“
Nach Tims Bruder Phil Mickelson (16 Siege) wurde Jon Rahm der erfolgreichste Spieler in der Geschichte des ASU Golf Teams. Innerhalb von vier Jahren gewann er alle wichtigen Amateur- Titel (u. a. als erster Spieler überhaupt zweimal den Ben Hogan Award) und führte sogar über 60 Wochen die Amateurweltrangliste an. Ganz nebenbei lernte der Spanier auch nahezu akzentfrei Englisch zu sprechen (vor allem dank seiner Liebe zu amerikanischer Rap-Musik) und schaffte seinen College-Abschluss in Kommunikationswissenschaften.

Am 29. Januar 2017, kaum ein halbes Jahr, nachdem er Profi geworden war, gewann Jon Rahm bei der Farmers Insurance Open seinen ersten Titel auf der PGA Tour. Mit einem sagenhaften Eagle-Putt über 20 Meter auf dem 18. Grün stach er die Konkurrenz aus und sorgte zudem für eine außergewöhnlich hohe Google-Suchfrequenz nach „Jon Rahm“. Vor allem in den USA wollte man wissen, ob die spanische Flagge, die den so amerikanisch klingenden Namen des neuen Champions ziert, vielleicht doch nur „Fake News“ ist.
Bei der WGC-Matchplay Championship düpierte Rahm dann sogar Landsmann Sergio García. Erst im Finale konnte er von (dem zu diesem Zeitpunkt geradezu übermächtig spielenden) Dustin Johnson mit einem knappen „1Up“ gestoppt werden.

Einst hatte Tim Mickelson prophezeit, dass sein Schützling noch vor dessen 30. Geburtstag im europäischen Ryder Cup-Team stehen würde. Wie es aussieht, wird Rahm schon 2018 in Paris dabei sein.

Quelle: www.golftime.de